Deutschland, Tschechien, Polen 02.05. - 14.05.2019

Hurra, es geht wieder auf Reisen! Sechs Monate waren wir nun zu Hause. Der Grund waren Krankheiten, kleine OPs an Mensch und Maschine, Skitouren dank des vielen Schnees und zu guter Letzt die Geburt unseres dritten Enkels August. Da wir nicht so lange Zeit haben, entschließen wir uns zu einer Tour rund um die Ostsee entgegen des Uhrzeigersinns.

Über Roding, eine kleine verschlafene Stadt in der Oberpfalz, fahren wir nach Tschechien und finden in Pilsen, nahe der Altstadt einen Platz zum Übernachten. Die Stadt hat schöne, restaurierte Jugenstilhäuser, aber auch nicht ganz so nette Ecken. Die angeblich zweitgrößte Synagoge Europas reißt uns nicht vom Hocker, doch der Blick vom Kirchturm entschädigt uns trotz des unangenehmen Windes. Überrascht sind wir von den vielen Militärjeeps älteren Datums und den dazugehörigen Grüngewandeten mit Waffenattrappen. Doch bald entdecken wir Plakate, die uns aufklären. Tschechien feiert die Befreiung durch die Amis und gedenkt durch die nachgemachten Camps, Uniformen, Fahrzeuge diesem Ereignis. Und wir hatten schon Angst einen Kriegsausbruch nicht mitbekommen zu haben. Leider ist es so kalt, dass es keinen Spaß macht auf dem Marktplatz ein Bier zu trinken - Wolfgang schafft es trotzdem - und verlegen dies dann auf später in eine Kneipe. Auch in Karlsbad meint es Petrus nicht gut mit uns. Also legen wir unsere Kronen in Bier und etwas zum Essen an und fahren weiter durch die hügelige Landschaft mit zuerst vielen, blühenden Rapsfeldern und später dann weniger schönen Kohleabbaustätten und den dazugehörigen Kraftwerken mit vielen Kühltürmen an die Labe, wie die Elbe hier heißt.

 

In Deĉin bleiben wir für eine weitere kalte Nacht direkt am Elbufer. Am nächsten Morgen freuen wir uns über ein bisschen Sonnenschein und wandern dick eingepackt auf die Schäferwand am gegenüberliegenden Ufer. Von hier ist ein Superausblick auf das Schloss. Interessant ist auch, dass in den Sandstein der Schäferwand sechzehn Klettersteige unterschiedlichster Schwierigkeiten eingerichtet wurden. Es ärgert mich, dass wir unser Kletterzeug zu Hause gelassen haben. Im Schloss drüben machen wir dann Jagd auf ein paar Pfaue, natürlich nur mit dem Fotoapparat. Die Außenanlagen sind recht weitläufig und ich genieße es, mal wieder durch die schön angelegten Gärten zu streifen. Tja, mehr bietet Deĉin nicht und so folgen wir der Elbe die paar Kilometer bis zur deutschen Grenze. Schade, dass das Wetter schlecht war und wir nicht mehr unternehmen konnten. Genervt haben uns allerdings die unfreundlichen KellnerInnen oder VerkäuferInnen. Sobald sie merkten, dass wir Ausländer sind, und das erkennt man zumindest bei mir sofort: ältere Frau ohne schlecht gefärbte schwarze Haare, haben sie uns entweder ignoriert oder unfreundlich angeblöfft oder den Schinken auf die Waage gepfeffert, dass uns der Appetit vergangen ist. Das brauche ich so schnell nicht wieder.

Drüben im Elbsandsteingebirge haben wir in der Nähe der Festung Königstein geparkt und noch eine ausgiebige Wanderung auf den kleinen Bärenstein unternommen. Trotz schwarzer Wolken sind wir trockenen Fußes wieder zum LKW zurückgekommen. An den Laternenpfählen und Straßenschildern hängen überall Wahlplakate. NPD und AfD zu gleichen Teilen und ein einziges Plakat von den Linken haben wir entdeckt. Andere Parteien gibt es hier wohl nicht. Hmmm…

Unser Wasserhahn ist nicht mehr dicht, also fahren wir zu einem Campingausrüster bei Dresden und danach direkt auf die Autobahn nach Berlin. In Erkner, einer S-Bahn-Endhaltestelle, lassen wir den Hiasl auf einem großen Parkplatz zurück und fahren rein nach Kreuzberg, wo wir uns mit Sebastian treffen und bei einem sehr guten, italienischem Essen mit anschließender Berliner Eckkneipe unseren Hochzeitstag feiern.

 

Um sechs Uhr werden wir unsanft geweckt. Wolfgang spürt etwas und gleich darauf höre ich, wie jemand unser Kennzeichen und Riesenmonster sagt. Wir verabschieden uns sofort von unserem warmen Bett, springen in unsere Kleidung und gehen raus. Da ist doch glatt so eine Trulle rückwärts an unseren Reservereifen gefahren und hat sich dabei ihre Heckscheibe kaputt gemacht. Und sofort die Polizei gerufen, denn „wir mit unserem Monsterauto dürfen hier gar nicht stehen und sind deshalb Schuld, dass sie uns reingefahren ist“. Es ist ein ganz normaler Parkplatz ohne jegliche Verbotsschilder, es ist hell und es gibt auch noch reichlich andere Parkplätze, außer dem genau hinter uns. Jetzt müssen wir wohl auch warten. Eine Stunde später treffen die Polizisten ein, nehmen unsere Daten auf und trollen sich wieder. Keiner sieht eine Schuld bei uns, sondern bei der aufgebrachten Dame, so wie wir auch. Zu blöde zum Autofahren, große Klappe und uns eine Stunde Zeit stehlen! Auf einem ruhigeren Parkplatz ein paar Kilometer weiter frühstücken wir erst mal in Ruhe, bevor wir uns auf den Weg nach Usedom machen. Ein bisschen schwierig gestaltet sich die Übernachtungsfrage. Der erste angepeilte Platz ist uns zu weit ab vom Schuss und die nächsten beiden sind für Wohnmobile nicht mehr zugelassen. Also auf einen Stellplatz in der Nähe von Bansin. Und da es gerade mal nicht regnet, brechen wir gleich zu einem ersten Ostseespaziergang auf. D. h. nachdem wir ein Matjesbrötchen verspeist haben. Sehr lecker! Der Strand mit seinem feinen, weißen Sand erscheint endlos, kaum Leute, schroffe Klippen, von denen immer wieder mal ganze Bäume wegen Wind- und Wassererosion runterstürzen. Die Ostsee holt sich hier Jahr für Jahr 30 cm Land. Am Abend werden wir auf dem Platz von einem Hamburger angesprochen, ob uns das Rosenheimer Auto gehört. Und ob wir Tuntenhausen kennen? Hallo, wir wohnen dort! Es stellt sich heraus, dass er geschäftliche Beziehungen zum Eder hat, sogar eine Eder-Tüte hat er dabei. Da fährt man knapp 1000 Kilometer und dann kennt jemand den Eder…

 

Die Sonne scheint, da kommen die Räder zum Einsatz. Über gut ausgebaute Radwege in stetigem Auf und Ab fahren wir über Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck über die Grenze ins polnische Swinemünde. Für die Vorspeise heute Abend kaufen wir geräucherten Fisch für die Hälfte wie auf der deutschen Seite. Beim Rückweg kommen wir an einem Polenmarkt vorbei. Schade, dass wir nicht rauchen, denn die günstigen Zigaretten sind wirklich das einzige, was man hier kaufen kann. Nervig an dem Radweg sind die Empfehlungsschilder: Radfahrer absteigen, wenn z. B. ein Tunnel kommt oder ein anderer Weg einmündet oder ein Wahnsinnsgefälle von ca 5% kommt. Und wenn man da weiterfährt, dann ist irgendwo immer ein selbsternannter Blockwart da, der einen recht deutlich darauf aufmerksam macht. Aber den verstehen wir dann immer nicht, schließlich können wir radfahren.

Tja, wir müssen weiter. In Swinemünde gibt es eine kostenlose Fähre, die uns hinüber nach Polen bringt. Wir nehmen die kleine Küstenstraße und finden im Naturpark Wollin einen Wanderparkplatz, von wo wir nach einer Kaffeepause schon unseren zweiten, regenfreien Strand erkunden können. Die Wolken hängen tief und es ist nicht besonders warm, aber es macht uns so viel Spaß hier rumzulaufen, die Möwen zu beobachten und zwei Fischern zuzusehen, die bis zum Bauch im Wasser stehen. In Kolberg stellen wir uns für die Nacht auf einen öffentlichen Parkplatz. Nach dem Abendessen gehen wir noch in eine Kneipe um die Ecke auf einen Absacker, aber das hätten wir besser bleiben lassen, denn es ist so kalt drin, da hätten wir es im Hiasl gemütlicher gehabt!

 

In Kolberg schauen wir uns die gotische Marienbasilika aus dem 14. Jahrhundert an. Das Beeindruckendste für mich sind die schiefen Säulen, man hat so den Eindruck, dass das Ganze gleich die Grätsche macht. Wie auch die Kirche sind das Rathaus, das Kloster und das Nettelbeckhaus (wer immer das auch war) unverputzte Ziegelbauten und älteren Datums. Ansonsten ist Kolberg ein aufgeräumtes Städtchen mit guter Infrastruktur und vielen Parks. Am Hafen ist noch ein gemauerter Leuchtturm, der im zweiten Weltkrieg zerstört wurde und danach wieder aufgebaut wurde. Weil die Sonne so schön scheint, haben wir uns für eine Stunde einen Strandkorb gemietet. Puh, das ist ziemlich warm, da ja der Wind abgehalten wird. Aber pünktlich nach einer Stunde schiebt sich eine dicke Wolke vor die Sonne und wir müssen für den Heimweg sogar wieder die Jacken anziehen! Wir entscheiden uns noch für die Weiterfahrt. Für die 170 km nach Leba brauchen wir dann doch gute drei Stunden, denn die Straßenqualität ist nicht immer die Beste! Beeindruckend sind jedoch die immensen Rapsfelder, die so satt leuchten und sogar durch die geschlossenen Autofenster duften.

Ganz draußen an der Mole gibt es für uns einen schönen Stellplatz.

 

Nur wenige Kilometer weiter östlich liegt die „polnische Sahara“, die ihren Namen durch die enormen Wanderdünen bekam. Wir nehmen die Räder für die Strecke. Leider ist es kälter als gedacht, so dass wir ganz schön frieren, zumal wir wegen der arg holprigen Straße auch nicht besonders schnell fahren können. Befremdlich finden wir allerdings, dass man am Fuße der Dünen dafür bezahlen muss sein Rad abzustellen. Die Polen sind schon sehr geschäftstüchtig. Wir stiefeln durch den extrem feinen, fast schon weißen Sand die Dünen hinauf. Da wir uns in einem Nationalpark befinden, ist unser Bewegungsradius etwas eingeschränkt, aber es macht trotzdem viel Spaß und durch die abgestorbenen Bäume werden wir an die Wüstengebiete Namibias erinnert. Nur die Temperatur passt nicht! Auch den Versuch sich am Nachmittag mit einem Buch in den Dünen in die Sonne zu legen und zu lesen geben wir zu Gunsten eines strammen Strandspaziergangs auf. 

Wir überlegen, ob wir uns schon wieder eine Stadt antun wollen und entscheiden uns dann doch für Danzig. Da wir keine Mautbox haben, brauchen wir über die vielen Nebenstraßen mit mehr Schlaglöchern als Asphalt doch gut zwei Stunden. Dafür finden wir gleich bei der Altstadt einen guten Parkplatz. Und schon sind wir mittendrin. Wir fühlen uns wie in einem Freilichtmuseum. Die alten Patrizierhäuser mit Läden und Restaurants schmiegen sich dicht gedrängt an den Ufern der Seitenarme der Mottlau. Dahinter die Wohnhäuser, kleine und große Plätze, riesige Backsteinkirchen, schön verzierte Stadttore, Museen, der alte Kran und überall die kleinen Läden mit Bernsteinschmuck. Wir laufen Stunden umher, gehen in Kirchen, hören Straßenmusikern zu, trinken leckeren Cappuccino in einem modernen Café und beschließen den Tag mit Bier und Cider vom Fass. Am Ufer der Weichsel ist dann ein ruhiger Platz für uns, wo wir noch einen schönen Regenbogen und tolles Abendrot erleben.

 

Das Wetter will einfach nicht besser werden, so dass wir keine Lust auf Radfahren oder Wandern haben. Also wieder Kultur und zwar besichtigen wir die Marienburg, der größte Backsteinbau Europas. Sie wurde von den Deutschrittern im 13./14. Jahrhundert erbaut, hatte seitdem unterschiedliche Besitzer und wurde im 2. Weltkrieg stark beschädigt, aber bis vor ein paar Jahren wieder hergestellt. Mit Hilfe eines Audioguides werden wir auf kurzweilige und informative Art durch die gesamte Burganlage geführt. Lästig sind nur die vielen Schulklassen gewesen, die sich oft lieber sehr laut unterhalten haben, statt dem Lehrer zu lauschen. Nach dem Besuch sind wir ganz schön platt, aber wir wollen noch etwas fahren, um irgendwann doch noch in Litauen anzukommen. In Morag, einer Kleinstadt weiter östlich, finden wir mit Hilfe der park4night-App einen optimalen Platz an einem See. Als dann erst die Dorfjugend mit ihren halbwegs aufgemotzten Fahrzeugen wieder weg ist, wird es gleich noch viel angenehmer!

 

Es regnet! Wir fahren durch die masurische Seenplatte. Durch viele alte Alleen, vorbei an unzähligen Rapsfeldern, durch kleine Dörfer mit armseligen Häuschen und an den zahlreichen Seen vorbei, wo wir Kanu fahren wollten. Aber leider ist das Wetter gegen uns. Dafür entdecken wir die Marienwallfahrtskirche Svieta Lipka. Eine reich verzierte Barockkirche, aber das Beste ist, dass wir genau zu einem Orgelspiel kommen. Die Orgel ist vergoldet und mit vielen posaunenspielenden Engeln verziert, die sich auch noch bewegen. Das ist wirklich toll gewesen. Im Reiseführer lesen wir von einer noch funktionierenden Drehbrücke in Gizyko. Wir interpretieren das Schild für die Öffnungszeit falsch, machen deshalb einen recht erfrischenden Spaziergang um die Festung rum, bis wir dann enttäuscht feststellen müssen, dass die Brücke heute gar nicht gedreht wird. Na gut, wenigstens frische Luft geschnappt. Über zum Teil sehr schlechte Straßen rumpeln wir bis kurz vor Suwalki, nach Bakalarzewo, wieder mal auf einen Parkplatz direkt an einem See mit Badesteg. Ein paar Jugendliche verzupfen sich recht schnell. Wolfgang meint, sie haben „verbotene Substanzen“ geraucht. Der angedachte Waschsalon in Suwalki entpuppt sich als Reinigung, also geben wir mal wieder unsere letzten Zloty im Supermarkt aus und reisen kurz danach in Litauen ein.

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Kommentare: 1
  • #1

    Hans-Peter Mönckert (Montag, 20 Mai 2019 16:20)

    Es wurde ja mal Zeit , dass man sich wieder einen so tollen Reisebericht lesen kann.