Marokko 25.04. - 12.05.2018

Auch wenn man mitten in der Pampa steht, am Morgen stehen zuverlässig diverse Kinder da und schauen ehrfürchtig zu, wie wir abspülen, rauskehren, Haare kämen, rumräumen etc. Wenn wir Glück haben, dann betteln sie nicht um Dirham, Stylo, Bonbon, was einfach auf die Dauer nervig ist. Denn leider sind ihre französischen Sprachkenntnisse mit diesen Worten meist erschöpft, so dass wir ihnen nicht klar machen können, warum sie nichts bekommen. Da heute Kultur angesagt ist fahren wir nach Tazzarine und kurz später über eine gute Piste nach Aït Ouazik, von wo es noch ein paar Kilometer zu einigen Felsgravuren aus der Zeit, als Marokko noch von Wäldern bedeckt ist, sind. Ahmed, ein junger Berber erklärt uns die Gravuren. Es gibt Elefanten, Nashörner, Antilopen, Giraffen zu sehen, aber auch Netze und Reusen zum Fischen und Bogen mit Pfeilen. Bald kommen wir jedoch auf die heutigen Wasserprobleme zu sprechen und wir sind erstaunt, dass die Brunnen erst in hundert Meter Tiefe Wasser haben. Er sagt, ohne die heutige Technik wären die Leute hier nicht in der Lage per Hand so tiefe Brunnen zu bauen bzw. das Wasser raufzuholen. Zagora, erklärt er uns, wird von einem Stausee bei Agdz versorgt. Allerdings ist die Wasserqualität schlecht und die Menschen schimpfen. Es stimmt, wir haben leider unsere Tanks gefüllt und das Wasser ist salzig und riecht leicht. Dabei haben wir noch das Glück einen sehr guten Wasserfilter zu besitzen. Wir fahren dieselbe Strecke an einem ausgetrockneten Oued zurück. Wo immer es geht wird Landwirtschaft betrieben und die Leute beackern meist mit der Hand ihre Felder, ernten den letzten Weizen und säen neues Gemüse an. Kurz nach Tazzarine halten wir bei einem unscheinbaren Hügel, auf der Karte mit Tiouririne bezeichnet, stiefeln dort ein bisschen rum und finden nochmals drei Felsgravuren. Den Ort wussten wir, aber nicht genau wo und Ahmed hat uns in etwa erklärt, wo wir suchen müssen. Hier schlagen wir dann auch gleich unser Nachtlager auf.

Es geht wieder zurück nach Nekob, wo wir noch ein paar Liter tanken, bevor wir uns auf die Fahrt zum Tizi N’Tazazert begeben. Allerdings sind wir sehr enttäuscht, kurz hinter Nekob finden wir uns auf einer zweispurigen asphaltierten Straße wieder! Das ist eigentlich gar nicht das, was wir wollen. Die schöne Landschaft entschädigt uns, aber der Baustellenverkehr ist nervig. An einer Engstelle mit vielen Baggern und Lastern wird uns signalisiert, dass wir zurückstoßen sollen um einen Kieslaster vorbei zu lassen. Und da passiert es: ein ganz schlauer Marokkaner überholt uns genau in dem Moment und zwar rechts!!! Ich seh‘ nur sein Moped hinten liegen und wir springen gleich aus dem LKW. Ihm ist nichts passiert - Gott sei Dank - und dem Moped auch nichts. Aber gleich Palaver von allen Seiten. Wolfgang ist erleichert, aber auch stinksauer auf den Dödel. Er muss gemerkt haben, dass wir rückwärtsfahren! Wir fahren weiter, aber unsere Stimmung ist schlecht. Kurz vor der Passhöhe ist ein kleines Café, da halten wir, trinken Tee, mal wieder mit einem Ahmed und seinen kleinen Sohn Youssef. Er ist ganz begierig ein paar Brocken Englisch und Französisch zu lernen. Er führt mit seiner Familie hier ein hartes Leben und ich hoffe, dass er noch viele Besucher bekommt. Bald ist der Tizi N’Tazazert erreicht. Es ziehen Wolken auf, aber mir gefallen die kargen schwarzbraunen Berge und die Stille, ein bisschen Vogelgezwitscher und in weiter Ferne das Ia eines Esels. Noch vier Kilometer Piste, dann geht der Teer wieder an, doch genau hier biegen wir nach Nordwesten ab, auf die Piste nach Tagdilt. Es geht durch eine wunderschöne Schlucht, mit vielen Lehmdörfern, bunten Schulen und winkenden Kindern. Auch die Erwachsenen freuen sich, wenn sie uns sehen, alle lachen. Die Bäume haben schon sattgrüne Blätter, der Oleander blüht und die Felder sind auch hier frisch hergerichtet. Bei Tagdilt haben wir eine karge Schotterebene erreicht, wo wir am Fuße einiger Hügel übernachten.

 

Bald erreichen wir das Dadès-Tal. In Boumalne kaufen wir noch für die kommenden Tage ein. Ganz fein sind immer die kleinen Patisserien, wo es leckere Kuchen und Gebäck gibt. Dann geht es ab in die Dadès-Schlucht. Vor 18 Jahren waren wir schon mal mit unserem VW-Bus hier, aber wir sind trotzdem etwas schockiert, ob der vielen Häuser, Cafés, Restaurants und Hotels. Rentieren sich die wirklich? Es ist alles ein bisschen zu aufgeräumt, sieht nicht nach Marokko aus. Zudem hält der Bauboom noch an, es stehen noch jede Menge unverputzter Betonhäuser rum. Ansonsten herrscht hier die Farbe rotbraun vor. Unten im Tal zieht sich das grüne Band der Flussoase dahin. Nach der engsten Stelle der Schlucht schlängelt sich die Straße in unzähligen Kehren hinauf. Wir kommen an den Pattes de Singes vorbei, den Affenpfoten, eine Felsformation, die an riesige Affenpfoten erinnert. Allmählich werden die Dörfer kleiner und weniger schmuck, dafür sind wieder mehr Menschen auf der Straße. Berberfrauen in ihren bunten Gewändern, Jungs mit ihren Adidas-Shirts und die ganz Kleinen, die einfach nur dastehen und winken. Wir wollen heute mal ohne Kinderschar den Rest des Nachmittags verbringen und fahren deshalb kurz nach Msemrir ein paar Meter von der Straße ab, zur Auberge Asaka, wo man auch campen kann.

 

Weil es hier so angenehm ruhig ist, hängen wir gleich noch einen Tag dran und machen mal Urlaub vom Reisen. D. h. lesen, spazierengehen, essen und sonst nichts. Am Nachmittag zieht sich der Himmel zu und es beginnt zu regnen. Das hatten wir schon lange nicht mehr! In den Bergen ums uns rum ist es ganz schwarz und wir hören Donnergrollen.

Nach einer kalten Nacht auf 2000m Höhe, scheint am Morgen wieder sie Sonne, ein kleiner Bewässerungsbach plätschert direkt neben unserem Hiasl, Frauen mit dem Esel ziehen vorbei und ein Kleiner wird von seiner Mutter in die Schule oder Kindergarten gebracht. Nach der nächsten Ortschaft Tilmi hört dann bald der Teer auf und ab hier sind wir fast allein. Leider nicht ganz, denn zweimal kommt uns eine geführte Tour mit mehreren Geländewägen bzw. Quads entgegen. Und es ist jedes Mal eine Engstelle, aber wir können uns auch nicht in Luft auflösen, obwohl sie gerne hätten. Wolfgang fährt jeweils soweit es geht den Hang rauf und die kleineren Fahrzeuge müssen dann eben talseitig an uns vorbei. Alles Franzosen und Spanier! Mit dem Weilheimer und seinem VW-Bus gibt es keine Probleme, wir ratschen und er sagt, dass die Gruppen ihm erklärt hätten, dass es weiter vorne eine Schlammstelle gibt und er mit seinem Auto da wohl Probleme hätte. Da hat dann lieber umgedreht. Ich könnte ihm jetzt sagen, es war nichts! Immer diese falschen Ratschläge!

Gerade richtig zur Kaffeepause erreichen wir den Tizi N’Ouano mit 2914m. Leider entdecken wir da, dass sich links auf unserem Stabilitätsträger eine Schraube verabschiedet hat und jetzt der Koffer nach rechts hängt. Also Wagenheber raus, fluchen und rumbasteln, bis wir eine Ersatzschraube wieder an Ort und Stelle haben. Wir fahren lustig weiter und auf einmal macht es Kling, wir halten sofort, jetzt ist die Schraube rechts abgerissen. Na gut, eine haben wir noch. Die geht auch schneller rein. Allerdings fahren wir nun recht vorsichtig, so ein Mist! Kurz vor Agoudal treffen wir zwei Männer, von denen einer eine Autobatterie schleppt. Sie bitten uns, sie zu ihrem Bedford-Laster  einen Kilometer zurück zu fahren. Aber gerne! Wir warten noch ab, ob der alte LKW auch anspringt und als dann der Motor läuft, bedanken sie sich recht herzlich und wir ziehen weiter. Aber nicht lange, denn es ist schon fünf Uhr und da kommt uns ein ebener Platz gerade recht zum Schlafen.

 

Über Agoudal, ein kleiner langgezogener Ort mit winzigen Lädchen, ein paar Imbissbuden, Benzin aus Fässern und ganz vielen winkenden Kindern, die kaum betteln, geht es auf einer schlechten Teerstraße nach Imilchil. Da unser Brot heute morgen verschimmelt war, essen wir ein paar Brochettes und beobachten die Leute auf der Straße. Leider wird die Straße nach Norden gerade hergerichtet und ist deshalb zwischen 10 und 16 Uhr gesperrt. Um halb drei versuchen wir es dann mal und erwischen genau den Zeitpunkt nach der Sprengung. Zwei Motorradler aus Miesbach erzählen uns, dass sie drei Stunden warten mussten. Am Lac Tislit finden wir einen tollen Platz direkt am Ufer. Wir wollen noch schnell um den See spazieren, doch dazu müssen wir mal wieder unsere Daunenjacken rausholen, denn unser Thermometer zeigt trotz Sonnenschein nur magere vier Grad plus an!

Wir stehen zeitig auf, also so gegen acht Uhr, damit wir noch vor der Straßensperrung durchkommen. Über viele Kehren auf mal breiter, mal schmaler Straße mit mehr oder weniger Teerbelag fahren wir an unzähligen, gerade blühenden Apfelbäumen vorbei bis Tizi N’Isly. Dort kaufen wir zuerst ein Huhn und danach noch frisches Berberbrot. Vor uns sind zwei alte Berberfrauen dran, mit diversen (Schlafanzug-) Hosen übereinander und vielen Tüchern um den Körper geschlungen und natürlich ein großes Kopftuch über die Haare. Ihre alten Gesichter sind mit Berbersymbolen tätowiert. Als sie ihr Brot haben, stecken sie es zu den anderen Einkäufen in die Tasche. Eine holt ihre Sonnenbrille hervor und packt sie zum Schutz in ihre Reserveschuhe ein. Die andere holt einen Taschenspiegel hervor und schiebt ihre Haare noch an Ort und Stelle und als sie schon fast weg sind, fällt der einen noch was ein: Ach ja, sie hatte ja ihr Handy zum Laden angehängt, holt es und dann kann es losgehen. Wir mussten da so richtig schmunzeln. Das Leben in diesem Teil Marokkos ist noch sehr archaisch, aber ohne Handy kommt keiner mehr aus. Hinter Naour biegen wir links auf eine kleine Straße ein, die uns in ein wunderschönes Flusstal führt. Die einfachen Höfe sind blitzsauber, die Felder alle bestellt oder es wird noch fleißig umgegraben. Alles grünt und sprießt vom Feinsten. Die Kinder strahlen, wenn wir uns zuwinken, kein einziges bettelt. Die Männer heben freundlich die Hand und auch die Frauen lachen uns zu. Wir merken, dass hier noch keine „Spendertouristen“ unterwegs waren, Gott sei Dank. Allmählich ändert sich die Landschaft, die Erde wird fast dunkelrot und ebenso die Häuser. Es ist karger geworden, die Gehöfte weniger. Als ich aussteige um Blumen zu fotografieren, kommt eine junge Frau zu mir. Wir sprechen miteinander, obwohl wir uns nicht verstehen, und lachen und da pflückt sie mir einen Strauß der sehr stacheligen, blauen Blümchen! Einfach nur nett! Hinter Taghleft übernachten wir nahe der wenig befahrenen Straße.

 

Wir fahren erst mal bis Ouaouizeght. Der schmucke Ort liegt oberhalb des Stausees Bin-El-Ouidane, wo wir vor vier Wochen ja schon mal waren. Und heute ist hier Markt. Im ganzen Ort sind einfachste Buden aufgebaut und die gesamte Bevölkerung der Umgebung ist anscheinend hier zum Einkaufen. Von gebrauchten Badelatschen, Einkaufstüten, alten Pfannen, Handyladegeräte bis zu farbenprächtigen Unterhosen und Plüschmäntel findet man alles. Wir konzentrieren uns dann mehr auf die Obst- und Gemüsestände und kommen dann mit vollen Taschen und mit Abstecher in der Konditorei nach geraumer Zeit wieder zum Hiasl. Nun geht es am Stausee vorbei und nach der Staumauer hinauf auf den Pass Richtung Beni Mellal, wo wir aber nach Aït Attab abbiegen. Nach der kurvigen Passstraße erreichen wir ein Hochtal mit Gerstenfeldern, Olivenbäumen und - für das Auge wunderschönen - Mohnfeldern. Ob die Bauern davon auch so begeistert sind wie ich? Wir sind schon sehr froh, dass wir uns für diese Variante entschieden haben und nicht auf der langweiligen N8 dahinrasen müssen. Wobei rasen ja immer relativ ist. Doch irgendwann stoßen wir dann doch drauf und in der Nähe des Ortes mit dem süßen Namen Nid de Cigogne (Storchennest) bleiben wir für die Nacht.

So heute geht es nach Marrakesch. Wir wissen noch nicht, ob wir uns darauf freuen sollen oder eher nicht. Aber es gibt einfach ein paar Dinge zu erledigen. Schon fast am Ziel passieren wir einen Unfall mit einem Kleinstlaster, dessen Fahrer, das wohl kaum überlebt hat. Das Fahrerhaus ist nur mehr so dick wie eine Zeitung. Im Stadtteil Gueliz essen wir in einem Lokal einer Fraueninitiative. Das Essen ist sehr gut, wir haben gerade noch einen Tisch in dem schön bepflanzten Garten bekommen. Von hier ist es nicht mehr weit zu einem Carrefour und mit viel Glück ergattern wir einen Parkplatz unweit des Eingangs zur Mall. Doch irgendwie kommt keine so rechte Shoppinglaune auf und so beschränken wir uns auf wichtige Dinge, wie Wein, Bier und Kaffee. Tja, da muss man einfach Prioritäten setzen. Übernachten wollen wir auf dem Parkplatz bei der Koutoubia-Moschee. Unser (neuester) Reiseführer sagt 80 DH pro Nacht, wurde aber nun auf 110 DH erhöht! Na gut, dafür sind es nur wenige Schritte in die Medina. Es ist mittlerweile fünf Uhr und so machen gerade alle Läden wieder auf und wir gehen kreuz und quer durch die Gassen der Suqs. Allerdings ist es ziemlich nervig hier - wie auch schon früher - kaum schaut man was länger als eine halbe Sekunde an, kommt auch schon ein geschäftstüchtiger Verkäufer angedackelt. Und sobald man nach dem Preis fragt, steht man schon im Laden und es beginnen zähe Verhandlungen. Wenn man einen Preis unter der Gürtellinie nennt, kommt man wieder raus, mit wüsten Beschimpfungen zwar, aber eigentlich wollte ich mir ja nur was ansehen. Also mit mir würden die Marokkaner viel mehr Geschäft machen, wenn sie nicht so aufdringlich wären. Schöner wird es dann nach den Touriläden, hinten in der Altstadt, wo nun am frühen Abend die Leute ihre Besorgungen machen, wobei fast jeder zweite dies mit halsbrecherischer Geschwindigkeit mit seinem Moped erledigt, dazu kommen noch für größere Lieferungen die Eselskarren du ein paar richtige Angeber, die sich mit ihrem Auto in die engen Gassen zwängen. Ein olfaktorisches Erlebnis ist dann das Gerberviertel. Obwohl jetzt die meisten Bottiche abgedeckt sind, kommt der Gestank unter den Wolldecken natürlich trotzdem hervor. Bei einem „Coiffeur“ kann Wolfgang nicht vorbeigehen und so gibt er sein Haupt in die Hände eines jungen Marokkaners. Am Anfang dachte ich schon, er bekommt einen side-cut verpasst, dann sieht es wieder nach Tonsur aus und zu guter Letzt wie immer, nur viel kürzer. Zudem werden sämtliche anderen Gesichtshaare in Form gebracht bzw. ganz entfernt! So, jetzt muss was zum Essen her und wir machen leider den Fehler auf dem Jema el Fna, dem Platz der Gehenkten, was zu essen. Die Aquise ist extrem nervig, Wolfgang wird so richtig sauer, irgendwann knicken wir ein und bekommen ein arg überteuertes Essen von mäßiger Qualität. Eigentlich hätten wir es ja wissen müssen…

 

Nach einer ruhigen Nacht laufen wir noch mal durch die Souks und jetzt am Vormittag sind die Händler auch nicht so aufdringlich. Doch irgendwann haben wir alles (fast) gesehen und machen uns auf den Weg zu Afriquia Gas, das an der Straße nach Safi liegt um unsere Gasflasche füllen zu lassen. Allerdings brauchen wir für die 17 km im chaotischen Verkehr Marrakeschs doch länger als gedacht und so kommen wir gerade während der Mittagspause an. Ein sehr freundlicher Mann sagt, dass wir um drei Uhr wieder kommen sollen und will uns auch gleich noch was von seinem Couscous fürs lunch einpacken. Doch wir lehnen dankend ab, weil wir die Zeit nutzen wollen um noch einzukaufen und zwar diesmal was zum Essen! Bei einem riesigen Marjane-Hypermarché bekommen wir alles, was wir möchten sogar ein paar „Schweinereien“ aus der „Giftecke“. Auf dem Rückweg ergattern wir mit Hilfe eines Einheimischen gegen etwas Bakschisch noch die benötigten Schrauben und schon sind wir bereit zum Gasfüllen. Für 12 Euro wird in Nullkommanix unsere Alugasflasche gefüllt und der nette Herr von vorhin überreicht Madame noch eine Blume! Durch die viele Autofahrerei sind wir etwas platt und so fahren wir etwas südlich von Marrakesch auf den Camping Jnane Baroud, nicht ganz billig, aber in einem sehr schön angelegten Garten mit vielen blühenden Rosen.

Wir haben uns gerade entschlossen noch einen Tag hier am Pool zu entspannen, als man uns sagt, dass heute hier eine Hochzeit stattfindet. Und da sehen wir sie schon: die vielen aufgebrezelten und geschniegelten, englischen Hochzeitsgäste, die Kinder laufen mit ihren Plastiktieren zum Pool und wir bezahlen und fahren weiter. Den Trubel müssen wir uns nicht antun. Unsere Route führt uns wieder über den Hohen Atlas. In Tahanaoute tanken wir und lassen auch gleich den LKW mal wieder waschen. Das ist auch dringend nötig! Durch eine wunderschöne Gebirgslandschaft geht es weiter an einem Fluss hinauf Richtung Tizi N’Test. Die Reichen aus Marrakesch machen mit ihren VW Touaregs, Audi Q7, Lexus usw. am heutigen Sonntag, ja auch in Marokko ist da offiziell arbeitsfrei, einen Ausflug in die Berge, dementsprechend viel ist auf der Straße los. In Asni überlegen wir uns spontan nach Imlil hinauf zu fahren, dem Ausgangspunkt für eine Toubkal-Besteigung, den höchsten Berg Marokkos. Zwei Kilometer vor dem Ort ist eine ebene Fläche zwischen Straße und Fluss, wo wir den Hiasl abstellen und uns zu Fuß auf den Weg machen. In Imlil kann man neben dem üblichen Touristenkram jede Menge gebrauchter Alpinausrüstung kaufen, also abgelatschte Bergschuhe, uralte Tourenski, ausgebleichte Rucksäcke u.v.m. Wir wandern über einen steilen Steig hinauf nach Armoud, dem letzten Ort im Tal. Über eine Brück geht es auf die andere Seite und ein Eselspfad führt uns wieder zurück zum Auto.

 

Leider ist heute Morgen alles in Wolken gehüllt und so frühstücken wir erst mal in Ruhe, essen die gestern noch gekauften Herzplätzchen - denn heute ist unser 35. Hochzeitstag!!! - und fahren dann das Tal wieder hinaus nach Asni und weiter Richtung Pass. Endlich verziehen sich die Wolken und wir haben wieder eine fantastische Sicht auf das Tal unter uns und die Berge ringsum. Die Frauen waschen fleißig ihre Wäsche und die Männer ackern auf den Feldern oder trinken Tee in den Teestuben. Arbeitsteilung halt! Unterwegs besichtigen wir die alte Moschee Tin Mal. Diese wurde im 12. Jahrhundert erbaut und schon 120 Jahre später zerstört. Seit gut 20 Jahren wird sie von Stuttgarter Architekten restauriert und da sie nicht mehr als Moschee benutzt wird, dürfen auch wir Ungläubige hinein! Dies ist sonst nur mehr bei der Moschee Hassan II. in Casablanca der Fall. Die Sicht durch die vielen Bogengänge ist beeindruckend, die noch erhaltenen Verzierungen der Säulen lassen die einstige Schönheit erahnen. Nach Kaffeepause und einer kleinen Schraubereinheit, grrr, schrauben wir uns weiter den Pass hinauf. Blauer Himmel, Sonne! Doch was sehen meine Augen so 500 Meter vor der Passhöhe? Ganz eklige Wolken schieben sich von der anderen Seite herüber! Und tatsächlich stehen wir bei dichtem Nebel in der Kälte am Tizi N’Test auf 2093m. Da ist auch der Mineralienhändler  froh, als wir ihn recht schnell abwimmeln und er wieder in seine Hütte kann. Für uns beginnt nun der unangenehme Teil, denn auf der kurvigen, einspurigen Strecke bergab kommen uns leider immer wieder Marokkaner entgegen, die trotz Sichtweite unter 50 m ohne Licht fahren und natürlich mit Volldampf sämtliche Kurven schneiden. Manchmal könnte ich die wirklich aus ihrer Karre rausziehen und ungespitzt in den Boden rammen. Entgegen den Angaben in unserem Reiseführer haben wir mit einer Höhe von 3,50 m keine Probleme bei den überhängenden Felsen, da ist noch reichlich Luft dazwischen! Schon ziemlich weit unten entdecken wir ein schönes Fleckchen neben einem riesigen Arganienbaum, ideal zum Übernachten.

 

Heute Morgen ist es noch immer neblig und es regnet leicht. Doch was mich sehr ärgert ist, das wir nach wenigen Kilometern auf eine Baustelle treffen, die die Straße auf ein paar hundert Metern unter einer dicken, roten Lehmschicht bedeckt. Die Baustellen-LKWs kommen auf dem Schlamm nicht durch, sie werden teils von Baggern raufgeschoben, andere geben gleich auf. Nicht dass wir ein Problem gehabt hätten, nein, aber unser Fahrzeug ist nun wieder total eingesaut. Der Batz klebt bis an den Spiegeln oben! Gut dass es in Ouled Barhil gleich wieder eine Waschanlage gibt. Das Sieb dort ist erst mal verstopft. Über die gut ausgebaute N10 brausen wir nach Taroudant, wo wir uns auf einem Parkplatz an der Stadtmauer installieren. Wir machen uns gleich in die City auf. Der Souk hier ist noch ziemlich unverfälscht, bis auf ein paar Schuhläden und Arganienproduktanbieter gibt es wirklich nur Dinge für den täglichen Bedarf. D. h. Obst, Gemüse, Gewürze, Lebensmittel, Metzger, Schreiner, Haushaltswaren, Kleidung. Wir kaufen Gewürze, frische Himbeeren, Mispeln, Brot, Gemüse und Milch bevor wir uns mit einer Art Ausgezogenen und Orangensaft stärken, noch mal durch den Souk wandern und dann geht es auch schon zurück zum Auto. Nach dem Abendessen machen wir es wie die Einheimischen und spazieren noch im Park oder an der Stadtmauer entlang, kaufen Chips in der Papierstranitze und staunen, ob der vielen Sportplätze, die auch fleißig frequentiert werden.

 

Auf der Karte entdecken wir eine kleine Straße, die sich südlich von Taroudant  in die Berge des Anti-Atlas hinaufwindet. Zuerst durchqueren wir die breite Sous-Ebene, bevor wir durch lichte Arganienwälder allmählich an Höhe gewinnen. Die Bäume sind voll mit Arganienfrüchten. Mit ihrer gelb-grünen Farbe stechen sie aus dem dunklen Grün des Laubes heraus. Dieser Baum wächst nur hier in einem Gebiet grob begrenzt von Agadir im Westen, dem Hohen Atlas im Norden und dem süd-westlichen Verlauf des Anti-Atlas. Aus seinen Kernen wird das hochwertige Arganienöl gewonnen, das gegen alle möglichen Zipperlein helfen soll, aber vor allem durch seinen nussigen Geschmack besticht. Wir sehen einen halbzerfallenen Agadir (Speicherburg), zu dem eine kleine, schmale Piste abzweigt. Nichts wie hin, zumal er auch nicht in unserem Guide erwähnt wird! Mit Müh und Not finden wir an der Moschee einen ziemlich schiefen Miniparkplatz und laufen den Pfad zum Agadir hinauf. Zwei Männer, die leider nur arabisch und Berbersprache reden, begleiten uns und sperren die mächtige Holztür auf. Der Regen macht der Lehmbauweise arg zu schaffen, so ist schon viel verfallen. Wir hoffen, dass es noch ein paar Minuten hält. Die intakten Zellen werden auch heute noch von den Familien als Getreidespeicher, aber auch als Depot für Dokumente und Wertsachen benutzt. Mohammed erklärt uns, dass es ursprünglich 366 Zellen waren. Es ist recht lustig mit denen, wenn sie uns mit Händen und Füßen und Zeichnungen was erklären wollen. Die Durchschlüpfe sind recht niedrig, Wolfgang kommt schon mal auf den Knien daher. Als wir wieder am LKW sind, verabschieden wir uns, die Essenseinladung müssen wir ausschlagen und nach einem spannenden Wendemanöver tuckern wir die Piste wieder hinauf zur Straße. Es ist einsam hier, ab und zu ein Hirte mit seinen Tieren, nur wenige Ansiedlungen sind zu sehen, aber die hügelige Landschaft gefällt uns super. Als wir einen schönen Platz gefunden haben, umringt uns bald darauf eine Ziegenherde und wir können die Tiere beobachten, wie sie auf den Arganienbäumen rumklettern um an die leckeren Früchte zu kommen. Da die Kerne schlecht vom Fruchtfleisch gehen, sammelten früher die Frauen die von den Ziegen ausgeschiedenen Kerne auf, um daraus dann das Öl zu pressen! 

Bevor wir heute weiter fahren, wandern wir noch auf den Hügeln rum und geraten diesmal in eine größere Dromedarherde. Und wie wir sehen, verschmähen auch diese nicht die Arganienfrüchte. Unsere Route führt uns nun über Aït Baha und Aourguenz bis kurz vor Tanalt. Die Berge werden nun höher, felsiger und die Dörfer kleben oft wie Vogelnester an den Hängen oder sie sitzen auch oft auf einer Kuppe. In vielen Serpentinen geht es rauf und runter, Flussbette werden gequert - viele trocken, aber einige führen noch ordentlich Wasser, das von den Frauen fleißig zum Wäschewaschen genutzt wird. Die Schlafplatzsuche ist da etwas schwierig und so müssen wir mit einem Platz in einer Kurve zufrieden sein. Dafür ist es ein Logenplatz mit traumhaftem Ausblick und die paar Autos, die hier vorbeifahren, stören uns nicht.

 

Heute sind noch ein paar steile Pässe mit engen Kurven dabei, bevor wir Tanalt erreichen und uns dort noch mit frischem Gemüse auf dem Markt eindecken. Danach wird die Vegetation geringer und wir kommen in die Granitberge, mit den riesigen, bizarren Felsformationen, die rötlich-braun in der Sonne leuchten. Bald ist nun Tafraout erreicht, wo wir mal wieder auf einen Campingplatz fahren wollen. Die Auswahl ist nicht groß, jetzt außerhalb der Saison ist nur der Camping Tazka geöffnet. Ein kahler Platz mit Mauern außenrum, wenigen Bäumen und recht verdreckten Sanitäranlagen. Gut, dass wir alles selbst dabeihaben und zwar sauber und ordentlich. Am Abend, als es kälter wird spazieren wir noch den Kilometer ins Städtchen, lassen uns bei Zaide vom Maison Tuareg sämtliche Teppicharten erklären und bekommen dafür aber einen Tee. Die Teppiche sind wunderschön, auch gar nicht so teuer, aber wir brauchen einfach keinen, und schon gar nicht einen Läufer für den Hiasl. In einem kleinen Lebensmittelladen entdecken wir einen Camembert und damit und Lammkoteletts, Tomaten und sehr leckerem Baguette marschieren wir zurück zum Auto, wo wir uns dann diese Schmankerl mit einem Glas Rotwein und Bier schmecken lassen.

 

 

Die nächsten zwei Tage bleiben wir hier auf dem Platz, nicht weil er so toll ist, sondern weil wir etwas Erholung brauchen, weil er in Stadtnähe liegt und weil man zu Fuß zu den „Bemalten Steinen“ laufen kann. Als wir dorthin aufbrechen, ist es leider später geworden als gedacht und somit von der Temperatur her fast schon grenzwertig. Aber selber schuld, was lauschen wir auch so lange dem spannenden Hörbuch zum Frühstück (Blackout - Morgen ist es zu spät - von Marc Elsberg). Zuerst durch einen lichten Palmenhain zu einem kleinen Dörfchen, danach weiter durch schöne, braune Granitfelsen hinauf zu einem Pass und nun durch eine relativ karge Landschaft zu den Steinen. Diese wurden 1985 von einem französischen Künstler mit 20.000 l Farbe in Rot-, Lila- und Blautönen bemalt. Vor 18 Jahren haben wir sie noch in den Originalfarben gesehen, doch diese verblassten mit der Zeit und sie wurden 2010 in Pastelltönen erneuert, was mir allerdings nicht so gefällt. Es wird nun unangenehm heiß und so sehen wir zu, dass wir nach einer Pause im Schatten eines großen Blocks wieder zum Auto zurückkommen. Alles in allem waren wir dann doch drei Stunden unterwegs. Den Rest der Tage in Tafraout verbringen wir mit Lesen, träumen, einkaufen und Schuhe besorgen.

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Kommentare: 1
  • #1

    Hans-Peter Mönckert (Mittwoch, 16 Mai 2018 12:06)

    Einfach toll den Reisebericht zu lesen.